Warum Loslassen die schwierigste Führungsaufgabe ist
Der Anruf, der alles veränderte
Es war einer meiner ersten Tage als Leiter der Abteilung. Plötzlich klingelte mein Telefon. Der diensthabende Schichtleiter, ein ruhiger und kompetenter Techniker, meldete Rauch in einem unserer Hauptkontrollräume, möglicherweise ein Feuer.
„Was soll ich tun?“, fragte er.
Adrenalin schoss durch meinen Körper. Das war genau der Moment, für den ich Führung für wichtig hielt: einschätzen, entscheiden, anordnen. Ich gab klare und schnelle Anweisungen. Und bevor ich auflegte, fügte ich hinzu: „In 15 Minuten bin ich bei Ihnen.“
Als ich ankam, war der Vorfall bereits unter Kontrolle. Die Ursache war eine schwelende Zuleitung an eine Lampe. Kein Schaden, keine Verletzten, keine Ausfallzeit.
Ich war stolz. Ich hatte meine Feuerprobe bestanden. Bis das Adrenalin nachließ und ich anfing, nachzudenken.
Die Lektion hinter dem Brand
Je mehr ich darüber nachdachte, desto seltsamer kam mir die Situation vor. Warum rief mich ein sehr erfahrener Schichtleiter, der zudem in seiner Freizeit Kommandant der freiwilligen Feuerwehr in seiner Heimatstadt war, als Ersten an?
Hätte er das Gleiche um 3 Uhr morgens in der Nachtschicht getan? Hätte er schneller gehandelt, wenn ich nicht erreichbar gewesen wäre? Warum zögerte er überhaupt, obwohl er besser qualifiziert war als ich?
Da wurde mir klar: Es ging nicht um diesen einen Mann. Es ging um die Kultur, die wir aufgebaut hatten.
Eine Kultur, in der die Menschen auf Zustimmung warteten, wenn die Führung in der Nähe war. In der die Kontrolle so stark im System verankert war, dass sogar Kompetenz an Bedingungen geknüpft war.
Das ist der Heldenreflex, der Instinkt von Führungskräften, einzugreifen und die Situation zu retten. Das fühlt sich edel an. Das fühlt sich schnell an. Das fühlt sich nach Führung an. Aber in Wahrheit lähmt es die Initiative.
Ego, Geschwindigkeit, Status
Der Heldenreflex versteckt sich hinter guten Absichten, birgt jedoch drei Fallstricke:
- Ego – „Sie brauchen mich.“
Das Bedürfnis, entschlossen zu sein, kann still und leise das Bedürfnis ersetzen, effektiv zu sein. Wenn der Anführer eingreift, treten die anderen zurück. - Geschwindigkeit – „Ich muss schnell handeln.“
Geschwindigkeit wirkt wie Stärke, verhindert jedoch oft das Nachdenken. Abhängige Kulturen verehren sofortige Antworten und vergessen zuzuhören. - Status – „Sie müssen sehen, dass ich das Sagen habe.“
Der Wunsch, als Held gesehen zu werden, schafft eine Art Theater: Dashboards, ausgefeilte Briefings, schweigsame Teams. Alle wirken kontrolliert, niemand lernt etwas.
Zusammen bilden Ego, Geschwindigkeit und Status eine bequeme Illusion von Führung. Was sie jedoch tatsächlich schaffen, ist Abhängigkeit.
Der Wendepunkt: Vom Helden zum Ermöglicher
Wahre Reife beginnt, wenn Führungskräfte aufhören zu agieren und anfangen zu moderieren. Ein Ermöglicher rettet nicht. Ein Ermöglicher schafft die Voraussetzungen dafür, dass andere handeln können. Er bereitet die Bühne vor und tritt dann beiseite.
Wenn Teams sich selbst führen, wird die Führung leichter. Das System wird intelligenter. Und die Menschen hören auf, auf Erlaubnis zu warten, weil sie bereits die Absicht, die Grenzen und den Spielraum kennen, in dem sie sich bewegen können.
Das bedeutet es, die Kurve zu drehen – von Führung als Kontrolle zu Führung als Kapazität.
Reflexion
Das Schwierigste an Führung ist nicht, sich zu engagieren. Es ist, sich zurückzuhalten.
Der Mut, andere handeln zu lassen, ist größer als der Mut, selbst zu handeln. Denn das bedeutet, der Kultur zu vertrauen, die man aufgebaut hat – und den Menschen darin.
Weiterführende Literatur
„Letting Go“ von Timothy W. Firnstahl (HBR September 1986)
Firnstahl macht sichtbar, dass der Hero Reflex nicht durch Notwendigkeit entsteht, sondern durch das persönliche Unbehagen, Kontrolle abzugeben, und wie Loslassen der Schlüssel zu Reife, Ownership und besseren Entscheidungen wird.
„Beyond Command and Control: Designing for Voice and Empowerment.“ von Van Baarle, S. (Technische Universiteit Eindhoven 2021)
Van Baarle zeigt, dass der Hero Reflex entsteht, wenn Systeme auf Befehl und Kontrolle gebaut sind, und dass echte Handlungskraft erst entsteht, wenn Führung Raum für Stimme, Beteiligung und geteilte Verantwortung schafft.
Entdecken Sie mehr in der „The Shift“-Reihe
- Die Kurve umkehren: Von Kontrolle zu Kapazität
Wie Organisationen tatsächlich reifer werden und warum Kontrolle nie der Weg ist. - Zählen vs. Handeln
Wie Führung vom schnellen Eingreifen zum echten Wahrnehmen wechselt.
Das Werkzeug:
Holen Sie sich das „Capacity Protocol“. 7 Heuristiken für Führung in komplexen Systemen. Geben Sie hier Ihre E-Mail-Adresse ein, und ich sende Ihnen innerhalb weniger Minuten mein kostenloses PDF zu.
Außerdem erhalten Sie von mir gelegentlich Updates, Neuigkeiten und Benachrichtigungen über neue Angebote oder Veröffentlichungen. Sie können sich jederzeit mit einem einzigen Klick abmelden.

